13. Dez 2009

Mankell, Mafia und mehr


Yellow Bird nennt sich die jüngste Münchner Produktionsgesellschaft, die mit ihrem ersten großen Projekt gleich einen bekannten Namen in die Waagschale wirft: Henning Mankells „Der Chinese“, dessen Verfilmung im nächsten Jahr entstehen soll

Den Sitz einer Konzerntochter stellt man sich etwas anders vor als in einem stylischen Hinterhof-Loft in München-Haidhausen, das eher auf hierarchiefreies Arbeiten hindeutet. Wenn dann die Tochter auch noch auf den Namen Yellow Bird hört, weist wenig daraufhin, dass sie Teil eines italienischen Medienkonzerns ist, der seit wenigen Jahren eine europaweite Expansion im TV- und Film-Produktionsgeschäft betreibt.

Die in ihren Aktivitäten mit Bertelsmann vergleichbare Mailänder Mediengruppe und Familienholding De Agostini kommt aus dem Verlagsbereich und hat sich in den vergangenen Jahren durch europaweite Zukäufe im TV- und Filmgeschäft neu aufgestellt. Auf der Einkaufsliste von De Agostini-Präsident Marco Drago standen 2007 Größen wie Magnolia Italien, die französische Marathon Group sowie die schwedische Yellow Bird, Mutter der gleichnamigen deutschen Tochter. Inzwischen werden über 400 Millionen Euro der vier Milliarden Euro Konzernumsatz durch die Film- und Fernsehproduktion generiert. Gebündelt sind die TV- und Film-Aktivitäten in der Pariser Zodiak Entertainment. Chef der Fiction-Division ist Marathon-CEO Pascal Breton in Personalunion. Bis 2011 peilt Zodiak Entertainment mit ihren Töchtern in 18 Ländern einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro an. Das ehrgeizige Ziel, im europäischen Film- und TV-Geschäft rasch eine Größe zu erreichen, verfolgte die italienische Familienholding durch Zukäufe oder Beteiligungen an attraktiven Unternehmen in ganz Europa.

Konzernverschachtelungen können leicht für Verwirrung sorgen. Bei der Aufklärung kann Oliver Schündler, geschäftsführender Gesellschafter von Yellow Bird Deutschland, helfen, der in der Branche durch seine Zeit bei der Bavaria Film bekannt ist. Dort war er für internationale Ko-produktionen, den TV-Weltvertrieb und Bavaria Italia verantwortlich.

Im vergangenen Jahr gründete er gemeinsam mit der schwedischen Yellow Bird die deutsche Tochter. Unter den aktuellen Projekten, die Schündler entwickelt, wird derzeit nur ein Projekt beim Namen genannt, das mehr über die Wurzeln von Yellow Bird sagt als ein Diagramm: 2010 soll „Der Chinese“ nach dem Bestseller des schwedischen Autoren Henning Mankell in Zusammenarbeit mit der ARD-Tochter Degeto entstehen. Der Event-Zweiteiler ist auf sechs bis sieben Millionen Euro kalkuliert und wird als internationale Koproduktion realisiert.
Der attraktive Stoff und die deutsche Yellow Bird fanden nicht zuletzt zusammen, weil die schwedischen Yellow Bird im Jahr 2003 gemeinsam von Mankell und Ole Söndberg gegründet worden war. Söndberg ist mit Schündler auch Ko-Geschäftsführer der Münchner Tochter.

Die Schweden, die inzwischen zu Zodiak Entertaiment gehören, lieferten nicht nur die Wallander-Verfilmungen nach Mankells Romanen, sondern konnten sich auch die Filmrechte an den drei Krimis des verstorbenen Bestseller-Autors Stieg Larsson sichern, von deren Adaptionen zwei bereits fertig gestellt sind. Der erste Teil der „Millennium“-Trilogie, produziert von Yellow Bird Schweden, läuft gerade unter dem Titel „Verblendung“ (NFP/Warner) im deutschen Kino.
Während das Ziel der schwedischen Yellow Bird war, vor allem im seriellen Bereich Krimistoffe zu produzieren, will Schündler in Deutschland seine Projekte universeller angehen: „Wir setzen auch auf Kino.“ Derzeit befinden sich 17 Themen in der Entwicklung, wovon mindestens drei im Jahr 2010 produziert werden sollen. Langfristig will man gemeinsam mit dem europäischen Netzwerk von Zodiak Projekte entwickeln und umsetzen. Darunter könnte auch ein italienischer Bestseller aus dem Mafia-Umfeld mit Titel „Rosa Elettrica“ von Giampaolo Simi sein, der jetzt bei Bertelsmann / Randomhouse auf deutsch mit dem Titel „Camorrista“ erscheint.

An der Arbeit im Konzernverbund schätzt Schündler sowohl die Eigenständigkeit als auch die Möglichkeiten über das Netzwerk auf Stoffrechte zugreifen zu können und schnelle Entscheidungen über Koproduktionen und -finanzierungen zu erreichen.

Allein auf den Zugriff der Rechte der Zodiak-Gruppe will sich Oliver Schündler aber nicht verlassen, sondern eng mit anerkannten deutschen Fiction- und Drehbuch-Autoren zusammenarbeiten. Mit einigen bereitet er längst neue Projek- te vor, die ab 2010 in die Produktion gehen sollen. Unterstützt wird Schündler hierbei von seinem Yellow-Bird-Team, dem Produzenten Boris Ausserer und der Junior-Producerin Astrid Kassel.

Roland Keller Filmecho Ausgabe 42/2009

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